Die Kartoffeln im Erzgebirge.

Bereits zu Anfange des 18. Jahrhunderts finden wir die Erdäpfel auch im Erzgebirge. In unserer Gegend sind dieselben zuerst in Crottendorf angepflanzt worden. Bewohner dieses Dorfes brachten in den Jahren 1712 oder 1713 von Stützengrün und Bärenwalde Samenkartoffeln dahin. Bereits in den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde eine gewaltige Menge dieses Gewächses daselbst erbaut. In dem benachbarten Schlettau hat dann der Anbau der Kartoffeln zunächst Anklang gefunden, da dieses Städtchen bereits in jener Zeit einen nicht unbedeutenden Feldbau betrieb. Besondere Verdienste um die dortige Heimischwerdung derselben erwarb sich der Amtshauptmann Alexander Christian von Beulwitz, der daselbst 1715 bis 1725 wohnte und von dem ihm gehörigen Erlbach im Vogtlande den erforderlichen Samen einführte. Von Schlettau ging der Anbau über nach Elterlein, Grünhain, Zwönitz und deren Nachbarschaft. Eine Teuerung, die im Jahre 1719 das Obergebirge drückte, wurde die Veranlassung zu immer ausgedehnterem Anbau. Der damalige Superintendent zu Annaberg, Dr. Andreas Kunad, forderte sogar in dem genannten Jahre in einer Predigt auf, die Kartoffeln häufig zu bauen, „welches auch soviel ausgerichtet, daß man sich allhier mit mehrerem Ernste der Sache beflissen“. Namentlich im zweiten Viertel des vorigen Jahrhunderts wurden die Kartoffelfelder immer zahlreicher auch um Annaberg. Der Ertrag war ein sehr reichlicher, indem man zehn- bis fünfzehnfältig erntete.

So war bereits vor der Mitte des vorigen Jahrhunderts der Anbau der Erdäpfel im Obergebirge ein verbreiteter, und die gebirgischen Kartoffeln galten schon damals als durch Geschmack und Größe ausgezeichnet. Sie verdrängten von den Fluren und aus dem Haushalte mehr und mehr die Erbsen, Linsen und andere trockene Gemüse. Der Preis war nach dem damaligen Geldwerte ein mittlerer. Der Scheffel kostete von den geringeren Sorten 8, 9 und 10, von den besseren 16, 18 und 20 gute Groschen.

Schon damals, um 1740, baute man verschiedene Sorten, von denen namentlich drei angeführt und beschrieben werden. Die sogenannten Jobsäpfel, die ihren Namen davon hatten, daß sie bereits zu Jakobi, 25. Juli, reif wurden; sie galten für die beste Sorte. Sie haben ziemlich große Knollen, eine dünne, gelbe Schale und in der Mitte eine kleine Höhlung mit ein wenig Feuchtigkeit. Die andere Sorte ist kleiner, gleichfalls mit gelber Schale versehen, worüber sich noch ein dünnes Häutchen befindet. Auch diese werden als mild und schmackhaft bezeichnet. Die dritte Sorte hat eine rötliche Haut und eine etwas eckige Form, von Geschmack sind sie streng und unangenehm, sodaß sie lediglich als Viehfutter benutzt werden.

Ebenso allmählich wie die Verbreitung der Kartoffeln geschah, ebenso brach sich nur nach und nach der mannigfache Nutzen und Gebrauch derselben Bahn. Man baute sie zunächst mehr zur Mästung und zur Mehlbereitung. Das daraus gewonnene Mehl mischte man unter das Brotmehl und erlangte dadurch ein billigeres Gebäck. Man verwendete es als Stärke oder zu dem damals vielgebrauchten Puder. Das grün abgeschnittene Kraut gab man den Kühen zu fressen; und die Butter bekam dadurch, wie gesagt wird, einen guten Geschmack; getrocknet wurde es im Winter in die Schafe gefüttert. Zeitig benutzte man natürlich auch die besseren Sorten als Nahrungsmittel für die Menschen; aber es ging ziemlich langsam, ehe man entweder durch eigenen Scharfsinn oder durch Nachahmung fremder, namentlich bei den Engländern und Holländern angewendeter Zubereitungsarten anfing, die Kartoffel zu braten und zu rösten, mit Eiern zu vermischen und Klöße, Kuchen und „Strützel“ daraus zu backen, sowie Branntwein daraus zu brennen.

Nach Dr. Spieß.

Quelle: Max Grohmann "Das Obererzgebirge und seine Städte in Sage und Geschichte". Annaberg 1903