Alte Flachsbrechhäuser im Erzgebirge

Hugo Vogel

Eine der ältesten Kulturpflanzen ist der Flachs, auch Lein oder Haar genannt. Schon bei den alten Ägyptern fand sie Verwendung als Faser-, Öl-, Heil- und Futterpflanze.

Die Wirtschaft unserer Tage verarbeitet Flachs nicht nur als technischen Rohstoff für Filterstoffe der Zuckerindustrie, für Flachsgewebe bei der Herstellung von Porzellan, in der umfangreichen Textilindustrie von den Zwirnen bis zu den starken Tauen, für Schnüre zur Herstellung von Fischnetzen, als Garn für Gewebe von Feuerwehrschläuchen und Zelten, sondern auch als Polster- und Isoliermaterial.

Die Samen werden entweder zu Speiseöl geschlagen oder als technische Öle verwendet, die in der Seifenherstellung oder bei der Fabrikation von Linoleum – der Name sagt das deutlich genug – und in vielen anderen Formen z. B. als Firnis gebraucht werden. Als Droge finden die Samen einmal als Beimengung zum Hustentee wegen ihrer schleimlösenden Wirkung anwendung; zum anderen dienen sie gequetscht zur Herstellung von Breiumschlägen. Die Rückstände, die bei der Ölgewinnung anfallen, werden als Leinkuchen, der ein hochwertiges Kraftfutter darstellt, dem Viehfutter beigemengt.

Der Flachsanbau war früher in Deutschland bedeutend (etwa 250.000 Hektar vor 100 Jahren). Damit wurde der Bedarf der deutschen Leinenindustrie fast gedeckt. Das Erzgebirge hatte daran einen beachtlichen Anteil. So schreibt Zimmermann in seinem Aufsatz: „Neue Industrien im oberen Erzgebirge“:

„… Mit dem Niedergang des Bergbaues nahm die Zahl der Flachsspinner und Leineweber erheblich zu. Gerade im Erzgebirge gedieh doch der beste sächsische Flachs … In vielen Dörfern standen ein oder mehrere Brechhäuser, in denen während der Wintermonate die Flachsbrecher bis nach Neujahr den erbauten Flachs brachen.“
Um die Flachsfaser zu gewinnen, müssen die Bastfasern von den übrigen Gewebeteilen des Pflanzenstengels getrennt werden. Das geschieht durch einen biochemischen Vorgang, die Röste. Bei ihr entwickeln sich unter der Einwirkung der Feuchtigkeit (Tau- und Wasserröste) vorwiegend Bakterien bzw. Pilze, die das Pektin und so die Bastfasern vom Holzkörper des Leitbündels und von der Rinde lösen.

Nach dem Röstprozeß muß das nasse Material getrocknet werden. Das geschieht heute in sogenannten Kanaltrocknern.

Früher wurde der Flachs, nachdem er an der Luft vorgetrocknet war, in das Brech- oder Dörrhaus gebracht. Brechhaus nannte man es, weil nach dem Dörren das Brechen des Flachses erfolgte. Beide Vorgänge wurden in den Brechhäusern durchgeführt. Versetzen wir uns einmal 100 Jahre zurück, um einen Tag in einem alten Brechhaus erleben zu können:

Früh gegen 3.30 Uhr stürmte der Burkhard-Dav durch das Dorf, um die Brechmänner mit seinem kräftigen Baß zu wecken. Er hielt bei jedem Haus, in dem ein Brechmann wohnte, die Hände zum Schalltrichter vor den Mund und rief sein „Auf – Auf – Auf!“. Wenige Minuten später strebten die Brechmänner durch die winterliche Stille dem Brechhaus zu.

Dort wurde zunächst der Flachs, der die Nacht über getrocknet worden war, – einer der Brechmänner hatte jeweils die Nachtwache im Brechhaus und mußte dabei das Feuer unterhalten – von den Gestellen geräumt, die rund um den Ofen sich befanden. Der getrocknete Flachs wurde zum Brechen gestapelt. Nun beschickte man die Gestelle um den Ofen wieder mit feuchtem Flachs. Diese Arbeit dauerte etwa 2 ½ Stunden. Dann ging es heim zur „Supp“. Nach diesem ersten Frühstück traten die Brechmänner den Weg ins Brechhaus zum zweiten Mal an. Jetzt wurde mit dem Brechen des trockenen Flachses begonnen. Bald warten sie sehnsüchtig auf die nächste Pause, den „Branntewei“. Der Staub, der beim Brechen aufgewirbelt wurde, und die trockene Luft hatten durstige Kehlen gemacht. Schon während der Arbeit ging die Unterhaltung der Brechmänner darum, was sie heute zum „Branntewei“ zu erwarten hatten. Dieses „Frühstück“ lieferte der Bauer, dessen Flachs an dem Tag bearbeitet wurde. Zur Kanne Branntwein kam Brot und Zukost. Diese fiel je nach der Freigiebigkeit der Bäuerin recht unterschiedlich aus. Das betraf einmal die Zusammensetzung wie auch die Menge. Zum Mittagessen gingen die Brechmänner nach Hause. Gegen 16 Uhr kehrten sie ins Brechhaus zurück, um die Gestelle um den Ofen zu leeren und für die Nacht zu beschicken. Wer an der Reihe war, blieb als Wächter am Ofen, wenn die übrigen das Brechhaus verließen. Er erhielt das Nachtessen ebenfalls vom Bauern, dessen Flachs gebrochen wurde. Als Getränk gab es in der Regel Buttermilch.

Zur Einrichtung eines Brechhauses kann ich nach der Beschreibuntg, die mir mein Großvater gegeben hat, der selbst viele Jahre als Brechmann im Sehmaer Brechhaus tätig war, folgendes sagen: Das Brechhaus – später die Böttgersche Färberei – war eine große Halle, in deren Mitte ein gewaltiger gemauerter Ofen stand. Von ihm führten zwei waagerechte eiserne Rohre in den Schornstein. Die Rohre hatten eine Länge von etwa 5 m und einen Durchmesser von reichlich 30 cm. Um die gesamte Anlage zog sich ein eisernes Gestell, das einem Regal ähnelte und eine Höhe von annähernd 4 m besaß. Am Ofen selbst befand sich in diesem Gestell eine Art Tunnel, so daß der Feuermann ungehindert nachlegen konnte, um das Feuer zu unterhalten. Durch eine Dreibockleiter, die auf einem fahrbaren Untersatz befestigt war, konnten die Brechmänner die einzelnen Etagen des Gestelles mit Flachsbündeln beschicken bzw. räumen. Es ist anzunehmen, daß diese Darräume nach zwei Systemen gebaut wurden. Die eine Art lag im Sehmaer Brechhaus vor, während z. B. das eine der Mildenauer Brechhäuser so eingerichtet war, daß der Ofen sich in einem zweiten Raum befand, von dem erhitzte Luft in die Darrstube geleitet wurde. Die Temperatur im Brechhaus durfte nicht zu hoch getrieben werden, da sonst der Flachs brüchig wurde.

Wo können wir nun anhand von Aufzeichnungen Brechhäuser in unserer näheren oder weiteren Umgebung nachweisen?

In Königswalde bei Annaberg befindet sich an der Kirche eine Tafel mit folgendem Text:
„9. Dezember 1845 – Brand des Dörrhauses – 35 Arbeiter, von denen 15 schwere Brandwunden davontrugen – 8 gestorben –.“

Wandern wir weiter nach Jöhstadt, so kommen wir an die Jugendherberge „Bruno Kühn“, einst das alte Schützenhaus. In diesem Gebäude befand sich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts das Jöhstädter Dörrhaus.

Wegen der Feuergefahr lagen die Dörrhäuser meist außerhalb der Ortschaften. Mildenau besaß drei Brechhäuser. Das eine lag 750 m ostwärts der Straße nach Arnsfeld, das zweite im Oberdorf und das dritte in der Nähe vom „Großen Riß“. Das Buchholzer Brechhaus befand sich zwischen Windmühle und dem Fleischergut. Eine Karte von 1867 weist 30 solcher Gebäude auf, die mit der Bearbeitung von Flachs in enger Verbindung stehen. Sie liegen im Raum Jöhstadt bis Meinersdorf in annähernd Nord-Süd-Richtung und von Ost nach West im Raum zwischen Reitzenhain und Elterlein. Zeitungsmeldungen berichten von mehreren Bränden in Brech- bzw. Dörrhäusern, so u. a.:

1860 in Schlettau (Brechhaus von Lohse)
1871 in Grumbach (Dörr- und Brechhaus des Schankwirtes Bräuer)
1879 in Sehma (Brechhaus des Pragergutes)
1881 in Mildenau (Brechhaus von Schiefer)
1881 in Annaberg (Brechhaus von Lötzsch)

Brechhäuser werden vor allem in folgenden Orten genannt: Drebach, Hilmersdorf, Gornsdorf, Tannenberg, Elterlein, Wiesa usw. Darüber hinaus finden wir auf der Karte Bezeichnungen wie Flachsschwinge in Jöhstadt, Bleichen in Geyersdorf und Niederneuschönberg usw.

Neben diesen Gebäuden waren noch eine Reihe Ölmühlen vorhanden, in denen Leinöl geschlagen wurde.

Verschwunden sind die Brechhäuser, verschwunden die blaublühenden Flachsfelder, die das Bild der erzgebirgischen Landschaft farbenfreudig gestalteten, verklungen ist der Morgenruf des Vormannes der Brecher. Baumwolle und synthetische Fasern verdrängten eine alte Kulturpflanze. Dieser Beitrag will die Erinnerung an ein Stück Heimatgeschichte wachrufen, ehe es ganz in Vergessenheit geraten ist.

Quelle: Der Heimatfreund für das Erzgebirge. Heft 11. November 1972, S. 256-258