Zur Geschichte des Blaufarbenwerkes an der Sehma.

Dr. Siegfried Sieber

Der von den Bergleuten der Blütezeit um 1500 als „Silberräuber“ geschmähte Kobalt war um 1600 durch Erfindung der blauen Kobaltfarbe zu hohem Wert gekommen. Er rettete den rückläufigen Bergbau des Erzgebirges, vor allem in Schneeberg und Annaberg. Nachdem zunächst auf böhmischer Erzgebirgsseite Farbmühlen entstanden waren, um Kobalterz zu verarbeiten, gründete Veit Hans Schnorr d. Ält. auf schönburgischem Grund in Pfannenstiehl bei Aue mitten im Dreißigjährigen Kriege (1635) die erste sächsische Blaufarbmühle, die heutige Nickelhütte Aue. Ihm folgte Johann Burkhardt, Besitzer der besten Schneeberger Kobaltgruben, mit Gründung des Blaufarbenwerkes Oberschlema im Jahr 1644. Bei Abschluß eines neuen Kobaltkontraktes 1649 durch die kurfürstlichen Bergbeamten, wonach das Kobaltausbringen der Zechen und die Belieferung der Farbmühlen genau vier Jahre vorausgeplant wurde, traten Erasmus Schindler, der das Schindlerswerk bei Bockau (heute chemische Fabrik für Waschblau) gründete, und Sebastian Öhme (Oheim) den Blaufarbenherstellern bei. Oehme war Ratsherr in Leipzig und mit dem Hamburger Hans Friese am Blaufarbengeschäft beteiligt. Damit gelang es den Beauftragten des Kurfürsten, Nichtsachsen aus den Kobaltkontrakten auszuschalten. Meltzers Schneeberger Chronik (S. 755) sagt, Oehme habe „die zu Friesen drittem Teil auf etliche Quartale beigestürzten Kobalte. Wismutgräuplein, Schlich und Gräuplein in dem vom Bergamt gemachten Tax abgenommen.“ Seitdem galt er ab Quartal Luciä 1644 mit Genehmigung des Kurfürsten als Kobaltkontrahent. Wie Schnorr, Burkhardt und Schindler wollte auch er seine Kobalte selbst verarbeiten. Er gewann daher als Hüttenfachmann den Holländer Paul Nordhoff, der bereits im böhmischen Gebirgsteil bei Zwittermühl ein Blaufarbenwerk geleitet hatte, auch bei Schnorr in Pfannenstiehl zehn Jahre tätig gewesen war. Schnorr wurde auf einem Ritt zur Leipziger Messe von einer räuberischen Schar entlassener Soldaten entführt, an den Zaren verkauft und mußte im Ural für diesen Bergwerke leiten. Nordhoff erbaute 1649 auf Oehmes Kosten eine Farbmühle an der Sehma. Dazu bestimmte ihn wohl die günstige Lage des neuen Werkes an der Sehmaflöße. Ferner konnten von dort aus die Annaberger Kobalte genutzt werden. Auch ging durch Sehma die uralte, schon 1118 urkundlich erwähnte Straße von Zwickau nach Böhmen. Nordhoff bekam von Oehme 10.000 Taler Vorschuß, richtete die Farbmühle ein und fertigte sehr gute Farbe. 1659 hatte Nordhoff 8000 Zentner Smalte (die beste blaue Farbe) vorrätig, deren Wert aber durch die Konkurrenz der anderen Blaufarbenwerke sank. Peck berichtet in der Schrift „Kreisamt Schwarzenberg“ 1757 von Nordhoff: „Neid und Mißgunst legten ihm zwar viele Hindernisse in den Weg, allein er überwand sie alle.“ Mit diesem Werk wurde Oehme 1649 privilegiert. Beteiligt daran war noch ein Holländer namens Pelt, wie ja die Holländer schon seit Jahrzehnten eine Hauptrolle im Blaufarbenhandel spielten. Ein Aktenstück vom 14.12.1649, also noch im Gründungsjahr datiert, entscheidet einen Streit, daß nicht das für Annabergs Umgebung zuständige „Mühlenamt“, sondern das Bergamt Annaberg Gerichtsbarkeit über das neu gegründete Blaufarbenwerk „bei Annaberg“ ausüben solle. Söhne und Schwiegersöhne Oehmes wollten nach dessen Tod das Werk nicht übernehmen, möchten aber „diese Handlung durch die Freundschaft (erzgebirgisch = Verwandtschaft) fortgesetzt wissen“ und bestimmten Philipp Oehme, „der schon bei diesem Werk gewesen“, es zu leiten. Er besaß eigne Kobaltgruben, erhielt aber, wie die anderen Werke auf Grund der Kobaltkontrakte weitere Kobalterze geliefert. 1661 bis 1663 nahm er keine Kobalte ab. Als Erbzins zahlte er dem Kurfürsten jährlich 12 Gulden in meißnischer Währung. Nordhoff starb 1684. Er scheint in Annaberg in der Buchholzer Gasse ein Haus besessen zu haben 1), das 1664 beim Stadtbrand erwähnt wird. Vermutlich bezieht sich auf ihn eine Angabe in Christian Lehmanns „Kriegsschauplatz“: 1633 bei einem Überfall der kaiserlichen Besatzung des Schwarzenberger Schlosses auf Geyer wurde „Paul Nordhoff, ein schottländischer Bergherr“, der einen kaiserlichen Leutnant sollte erschossen haben, nach Schwarzenberg ins Gefängnis eingeliefert und sollte eines schmählichen Todes sterben. Aber nach elf Tagen eroberten die sächsischen Truppen Schwarzenberg und befreiten ihn. Es wäre möglich, daß Nordhoff, wie so viele seit dem 16. Jahrhundert in Annaberg tätige Kaufleute und Unternehmer, Schotte war. Vielleicht hat aber Lehmann dies nur verwechselt. Sonst wird er nämlich als Friese bezeichnet.

Zur Belegschaft des Werkes gehörte Michael Meyer, Sohn eines Spitzenhändlers in Buchholz, ursprünglich auch im Spitzenhandel tätig, danach Blaufarbenarbeiter. Ein Schürer aus der Blaufarbmühle „unter Annaberg“ suchte 1672 den Blaufarbmeister Georg Tippner in Aue mit Arsenik zu vergiften. Auf der Farbmühle gab es 1673 ein Schlackenbad, da man die Heilkraft solcher Bäder schon frühzeitig kannte.

Laut kurfürstlicher Anordnung vom 12. November 1683 soll die Hälfte des Überschusses des Werkes interimistisch ins „Depositum“genommen werden. Der Schichtmeister der Farbmühle, Georg Förster, widersetzt sich den Anordnungen des Annaberger Zehntners Hölzel. Deshalb wird ihm Strafe angedroht. Er soll mit dem Verfertigen, Verwägen und Einschlagen (in Fässer) der Vorräte fortfahren, mitnichten dieselben ungemengt und zu Kaufmannsgut unvorgerichtet stehen lassen, wie ein weiterer Erlaß Kurfürsts Johann Georg III. vom 12. Juli 1694 besagt. Förster sträubt sich weiter, behält auch die Wochenzettel seiner Farbenerzeugung zurück. Er wird nochmals aufgefordert, Wochenzettel und Rechnungen jedesmal beiden Teilen der Besitzer des Werkes zu schicken. Georg Förster starb als Schichtmeister in Oberschlema 1689.

Noch 1692 in einem Bericht Georg Wagners an Herrn von Berbisdorf wird der Förstersche Prozeß erwähnt. Auch sonst wird in der Abrechnung zwischen Wagner und Berbisdorf das Blaufarbenwerk Annaberg oft genannt, zuletzt 1688, als Lehngeld wegen Verkaufes des Werkes an den Annaberger Bergmeister bezahlt wird. Der Holzmangel wurde für das Werk an der Sehma immer drückender. 1688 kam überhaupt kein Holz mehr auf der Sehmaflöße herunter. Kaspar Sigismund von Berbisdorf, Besitzer von Rückerswalde und Kühnhaide, war Oberaufseher der Flöße, Caspar Seligmann war Floßmeister. Berbisdorf hatte eine Tochter Oehmes zur Frau. Er veranlaßte die Verlegung des Werkes von der Sehma nach Zschopenthal an die Zschopau ins Gelände eines 1670 als Hammerwerk Zschopenthal erwähnten Eisenhammers, dessen Wasserkraft nun die „Farbmühle Zschopenthal“ übernahm. Eine andere Tochter Oehmes war mit dem Leipziger Ratsherrn Justizrat Johann Friedrich Trier vermählt, eine dritte mit Samuel Friedrich Rappold, ebenfalls Ratsmitglied in Leipzig und sächsisch-polnischer Kammerherr. Die vierte Erbtochter war die Gattin von Johann Georg Wagner. Vor der Verlegung nach Zschopenthal hat es wegen des Werkes an der Sehma nach Meltzer noch einen „raren und wichtigen Prozeß wegen verschwiegener ausländischer Interessen“ gegeben. Vielleicht ist damit der Teilhaber Pelt gemeint. Auch waren möglicherweise die Schwierigkeiten, die Schichtmeister Förster machte, Mitursache für die Verlegung des Werkes. Zschopenthal war ja erheblich von den Annaberger Kobaltgruben entfernt und hatte alle Zeit deshalb Schwierigkeiten.

Wo hat dies Blaufarbenwerk gelegen?

Es heißt oft „Farbmühle unter Annaberg“, wird aber später meist als Werk Sehma bezeichnet. Peck schreibt „an dem Sehmabach bei Annaberg“, nach Richter in seiner Beschreibung des Königreichs Sachsen (1846) „an der Weißen Sehma bei Annaberg“. Beim Ort Sehma erwähnt Richter das Werk nicht. Der Platz der „Hüttenmühle“ sei vorher eine große Wiese gewesen, wohl Flur Kleinrückerswalde. Erwägt man, was zur Anlage eines Blaufarbenwerkes (ähnlich war es bei Hammerwerken) notwendig war, und sucht eine Stelle an der Sehma, worauf das zutrifft, so legt man solche Hüttenwerke nach Möglichkeit so, daß außer der Hauptwasserkraft, in diesem Fall, der Sehma, noch eine zweite, ein Nebenbach oder Teichanlagen zur Verfügung standen. Das würde zutreffen für das Sehmatal zwischen Dorf Sehma und Buchholzer Bahnhof, wo das Tal breit genug war für eine Anlage von Hüttengebäuden, Pochwerken, Mühlen, wie sie für ein Blaufarbenwerk nötig waren. Aber auch die Stelle, wo der Kleinrückerswalder Bach in die Sehma mündet, eignet sich dafür. Die Bezeichnung des Werkes „Unter Annaberg“ würde dann auch besser passen. So hat offenbar Dorf Sehma, nicht wie bisher manchmal angenommen, die Farbmühle auf seiner Flur gehabt, sondern sie lag dort, wo später noch die Hüttenmühle, die auch „Farbmühle“ oder „Kobaltmühle“ genannt wurde, auf Kleinrückerswalder Flur im Bereich des späteren Ferngaswerkes ihren Platz hatte. Dorf Sehma selber hat ein Hammerwerk besessen, auch ein Pochwerk und ein Schleifwerk gehabt, aber das „Blaufarbenwerk an der Sehma“ oder „unter Annaberg“ ist fälschlich oftmals als Blaufarbenwerk Sehma bezeichnet worden.

Die Gebäude des Blaufarbenwerkes standen nach dessen Übersiedlung an die Zschopau leer. Farbmeister Sonntag kaufte sie, wohl in der Hoffnung, hier doch noch ein einträgliches Blaufarbengeschäft beginnen zu können. 1710 wollte er den Betrieb wieder aufnehmen. Aber 1716 wurde aus der Farbmühle eine Mahl- und Backmühle, wogegen die Sehmaer Bäcker vergeblich Widerspruch erhoben. Diese Mühle hieß dann Hüttenmühle. Das Blaufarbenwerk selbst hat in Zschopenthal noch bis 1854 bestanden, wurde dann mit dem Blaufarbenwerk Niederpfannenstiehl (heute Nickelhütte Aue) vereinigt.

Quelle: Der Heimatfreund für das Erzgebirge. Heft 3. März 1972, S. 61-64